
Auch wenn wir in Mailand, Cortina und anderten Orten die Winterspiele sehen und begleiten, so erlaube ich mir zu sagen: TURIN 2006 lässt grüßen! Jawohl, das 20-Jahr-Jubiläum feiert fröhliche Urständ. Wie bitte? Wovon, Blogger Joe live, schreiben Sie da? Sind sie, alter Metzger, etwa in die Jahre gekommen? Von der Zahl her ja, geistig noch nicht. Ich weiß genau, wovon ich schreibe. Auch wenn mich viele der Sportfans, medial aufgekratzt bis aufgeganserlt und zu rekordverdächtigen Superlativen bergauf/bergab dressiert, der Respektlosigkeit oder gar ahnungsloser Gewissenlosigkeit zeihen, so bleibe ich dabei: Tauschen Sie Namen, ob Orte, Jahre, Personen, Sieger und Verlierer aus, dann wird Ihnen ein Licht aufgehen: Aha, aha, da ist was dran. Sie erinnern sich ja: Österreich gewann in Turin 2006 mehr Medaillen denn je zuvor, davon 9mal Gold, aber rekordverdächtig waren nur Doping-Razzia, Mayer-Irrfahrt und eine skandalisierende Berichterstattung. Die Freisprüche im Susa-Gericht waren 2012 höchstens eine Randnotiz.
Es ist natürlich schrecklich und war auch schrecklich anzusehen, wie und wie folgenschwer die im linken Knie kreuzbandlose Lindsey Vonn bei ihrer frischen Crans-Montana-Vergangenheitsbewältigung beim Tor eingehakelt und dann vor Schmerzen geschrieen nat, noch dazu auf der von ihr mit 12 Siegen gepflasterten olympischen Tofana-Piste. Und dann die lange Vorort-Behandlung, ehe der Helikoper kam, um sie – wie später die sich der Weltklasse allmählich nähernden Andorranerin Cande Moreno – eingepackt in Sack und Pack ins Spital zu fliegen, ob Cortina oder schon Treviso bei Venedig, das wurde anfangs nicht kolportiert.
Auch sechs bis sieben Stunden danach war mein/unser Wissensstand leider fast bei Null. Der Tiroler US-Coach Hödlmoser wusste nur, dass Vonn einen Unterschenkelbruch erlitten hätte und wieder Bandln gerissen sein sollen. Später erfuhr man, dass sie in Treviso bei Venedig operiert worden sein und auf der Intensivstation liegen soll. Die Aussagen Hödlmosers zur amerikanischen Tragödie und dem goldenen Triumph der davor sieglosen von Breezy Johnson erinnerten am Zerrissenen des guten, alten Nestroy. Zwei Herzen in einer Brust.
Aber was ist wirklich los mit Lindsey, um die sich jetzt erst recht alles dreht?Wenn ich höre, was der im Ziel befindliche FIS-Präsident Eliasch im Fernsehen zum Besten, Pardon: Schlechtesten, gegeben hat, darf man sich nicht wundern, was und wer regiert. Eliasch: „Es ist natürlich tragisch, was mit Lindsey passiert ist, wir danken ihr aber dafür, dass sie mit ihrem unglaublichen Comeback auch die FIS und den Skisport so toll präsentiert hat!“ Da packt mich „Toll-Wut“, weil viele Milliardäre so denken, während sich Opfer ihrer Passion auf der Piste kaum rühren können.
Es geht halt nichts über mit persönlichem Risiko verbundene Gratiswerbung, das hat Lindsey mit dem bulligen Dosendrink statt der Muttermilch jahrelang inhaliert. So nebenbei sprach so gut wie niemand über das Sensations-Comeback der Lokalmatadorin Brignone, die nur neun Monate nach Kreuzbandriss samt doppeltem Schien- und Wadenbeinbruch als RTL-Spezialistin ohne Speed-Training auf Platz zehn gerast war. Eine fantastische Willensleistung. Als sie ein Journalist aber zu Vonns Horrorsturz befragen wollte, drehte sich Fede, Tochter einer Weltcupkanone, die Sportreporterin wurde, nur wortlos um. Sie wollte damit signalisieren, dass nicht alles Lindsey ist.
Ich fürchte, dass auch nach der OP und nach vielen anderen tollen Leistungen auch der Österreicher a la Benjamin Karl oder der 52-jährigen Claudia Riegler, die sich ins Guinness Book of Records als älteste Final-Qualifikantin eintrug, weiter im Schatten von Lindsey Vonn stehen, ihrem Zustand nach der OP und Spekulationen nicht nur, was zum Sturz geführt hat oder was sie alles gewinnen hätte können, wäre nicht dieser entsetzliche Horror-Abflug nach 13 Sekunden dazwischen gekommen. Damit das alles aktuell bleibt, dafür sorgen schon ganz sicher die punkto PR – man denke nur an die Hirscher-Null-Info-Schlagzeilen – tollen Dosen-Bullen mit dem Frontman Aksel Lund Svindal, seit Oktober 2025 der Privattrainer von Lindsey. Mir bleibt nur noch übrig, Breezy Johnson zu einer goldenen Siegpremiere zu gratulieren, die sie total in den Schatten eines Sturzes stellten, der mit einem höchsst riskanten Start verbunden war. Vor aller Medien-Augen brach Breezy ihre Goldene in zwei Teile, offiziell natürlich wegen des tragischen Vonn-Loses. Auch mir kommen da die Tränen. Turin 2006 und Cortina 2026 weisen starke Parallelen auf, obschon es niemand anspricht. Blick zurück ohne oder doch mit Zorn?