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Ich fürchte, dass umstrittenes VAR nicht der letzte Unfug bleibt, der Fußballgeister scheidet

Es ist zwar schon zwei Tage her, dass dem Lask zur Eröffnung seines neuen Schmuckkästchen-Stadions als Happy End ein Elfer geschenkt wurde, also zum späten 1:0 für die Linzer gegen Lustenau! Die Szene wurde x-mal in Zeitlupe aufgelöst, x-mal diskutiert, x-mal eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters konstatiert, der wiederum nicht vom VAR zur Überprüfung aufgefordert worden war, sonst … Ich will jetzt nicht darüber debattieren, ob´s von Referee Lechner besonders klug war, in Lob heischender Anwandlung den Lustenau-Trainer anzurufen, um sich telefonisch selbstkritisch an die Brust zu klopfen und zu gestehen, dass der (nicht mehr zurückzunehmende, aber das Ergebnis verzerrende) Elfer leider ein Fehlpfiff gewesen ist. Unterton: Blöd gelaufen, aber kannst nix (mehr) machen. Kismet.

Worauf ich hinaus will, das ist die immer wieder und immer öfter langsam zwielichtige Rolle, die der Video Assist Referee nicht nur in Österreich, sondern in allen Profi-Ligen der Welt spielt. Seit er – wenn man alles summiert, was er und sein Team rundum an Zusatzaufwand kosten – um eine Stange Geldes unter dem Vorwand größtmöglicher sportlicher Fairness eingeführt wurde, hat er sich in ein für den Zuschauer unsichtbares Pulverfass entwickelt, an dem sich Emotionen mehr denn  je entzünden. Die uns vordem sozusagen vorgegaukelte Fast-Unfehlbarkeit durch die Video-Auflösung bis hin zu geometrischen Linien, die Nasenspitzen oder Kniekehlen offenbaren, die um zwei bis drei Zentimeter vorn oder hinten wären, hat sich inzwischen als Schimäre erwiesen. Und wenn mich IT-hörige Fortschrittsapostel als Ewiggestrigen hinstellen, so kann ich nur darauf verweisen, dass sich im Grunde durch den alles andere denn unfehlbaren VAR nichts geändert hat.

Jetzt ist´s eben nicht mehr der ganz normale Schiedsrichter, der womöglich irrtümliche Tatsachenentscheidungen trifft, sondern eine Art Supervisor irgendwo in einem Kämmerlein fern des jeweiligen Spielfeldes – auch jene, ob man eine Szene überhaupt nochmals anschauen soll oder nicht. Und ob guter alter, oft kritisierter, beschimpfter, beleidigter Referee in verschiedensten Uniformfarben oder aber versteckter Oberschiedsrichter in ziviler Kleidung im Keller, für beide gilt weiter der Grundsatz: Irren ist menschlich.

Wenn mich aber als ständiger Betrachter von Matches in ganz Europa ebenso wie als gern gescholtener Verschwörungstheoretiker nicht irre, dann hat der VAR in relativ kurzer Zeit dem Fußball zwar nicht im ursprünglichen Sinn der Fairness, aber doch manch anderer Hinsicht verändert. Wenn ich mich nicht irre, dann dauern Spiele jetzt nicht mehr 90 und ein paar zerquetschte Minuten  mehr, sondern mit allen VAR- und sonstigen Unterbrechungen oft weit über 100 Minuten. Und wenn nicht gespielt, sondern diskutiert wird, wenn der Referee mit eindeutigen Gesten zum Videostudium eilt, wenn sich also spielerisch wenig tut, dann freut sich …

… lachen Sie nicht, denn dann freut sich auch die Werbewirtschaft, weil ja auch die (sich mittlerweile drehenden) Werbebanden ganz automatisch viel länger ins Bild kommen. Und wenn diese VAR-Hysterie noch anhält, dann … lachen Sie wieder nicht, dann werden über kurz oder lang halt in den ein, zwei Minuten bis zum „VAR-Urteil“ kurze Webeblocks eingespielt ganz nach dem Vorbild des American Football, der zwar abgesehen vom Freekick nicht mit Füßen, sondern den Händen und sonstigen muskulösen Körperteilen gespielt wird. Aus Sicht von PR-Strategen aber hat´s natürlich Hand und Fuß. Und da eben diese im leider allzu fortschrittlichen Sport immer mehr die Oberhand bekommen haben, wird der VAR nicht der letzte Unfug sein, mit dem der oder die Klassiker unter dubiosen Vorwänden missbraucht wird.

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