Nach 16 Jahren Ebbe kam´s mit zwei Weltrekorden bei einem Doppelschlag an einem denkwürdigen Abend fast schon zu einer Bestmarken-Flut am legendären Letzigrund in Zürich. Und fast symbolisch dafür, dass es in Zeiten neuer Trainigsmethoden und neuester Materialausrüstungen kaum oder keine Hindernisse mehr gibt für neue Leistungssprünge, gingen die US-Olympiasiegerin Russell über 110m in 12,09 Sekunden und der Brasilianer Dos Santos über 400m in 45,80 Sekunden als neues Maß aller Dinge, das den Norweger Karsten Warholm endgültig ablöste, den Weltrekorden ihrer Domäen buchstäblich über die Hürden. Welch Happy End für das traditionsreiche und rekordsüchtige Weltklasse-Meeting, das damit an alte Zeiten anschloss, das von Armin Hary über Carl Lewis bis zu Kevin Young und Jelena Isinbajeva seinen Ruf als Nonplusultra begründet hatte.
So verblüffend die Weltrekorde, so atemberaubend eine Leistungsdichte, die ma bisher noch nicht gekannt hat. Stell Dir vor, da sprigt einer 6,20m wie der Grieche Karalis, kann aber trotzdem nicht gewinnen, weil es halt den unglaublichen Überflieger Armando Mondo Duplatis gibt, der dann halt 6,25m überquert und demnächst, das möchte ich wetten, auf den eigenen Weltrekord (6,21m) zumindest noch einen Zentimeter drauflegt. Oder vielleicht dreht Karalis, auf den 6er-Geschmack gekommen, den Spieß irgendweann um, weil er weniger Druck hat als der amerikanische Schwede. Das ist, siehe Warholm, auch der Fluch der segensreichen Taten, die die vermeintlichen Alleinunterhalter jahrelang fast selbstverständlich geliefert haben.
Und Ähnliches gilt auch für die 800m-Damen, die da Audrey Werro, Welschschweizerin mit afrikanischer Mama, und Femke Broeders-Bol heißen, die immer wieder am ältesten LA Weltrekord kratzen, ohne ihn hu brechen – wie in Lausanne, wie gestern in Zürich, als auf die Tschechin Kratochvilova (1983, 1:53,28) nur 0,52 Sekunden fehlten. Und wer weiß, was eine Broeders-Bol, die eben erst 400m Hürden gegen die Mittelstrecke getauschte hatte, noch im Köcher hat.

Es schiebt sich alles immer mehr zusammen, auch deshalb, weil Athleten, die früher aus welchen (gesellschaftspolitischen) Gründen immer mehr oder weniger vom Spitzensport(training) ausgeschlosse waren, ihm mittlerweile den Stempel aufdrücken. Wie die Sprint-Olympiasiegerin Julien Alfred. Wie 200m- und 400m-Star Tebogo aus Botswana. Wie Speerwurf-Sensation Pathirage aus Sri Lanka und andere vermeintliche Exoten, die inzwischen uns Österreicher(innen), sieht man von wenigen Ausahmen ab, zu Außenseitern der neuen Gesellschaft stempeln. Darüber kann auch der in Argentinien aufgewachsene Steirer Enzo Diessl (Foto links), Sohn eines deutschen Ferrari-Freaks, nichts ändern, auch wenn er wie gestern in Zürich über 110m Hürden in 13,22 auf dem Diamond-Podest landete…