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Mein Pele, der menschliche Fußballgott, ist 80

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Kinder, wie die Zeit vergeht. Ich war selbst noch ein Bub, als ein nur zweieinhalb Jahre älteres brasilianisches Wunderkind die Fußballwelt in Begeisterung versetzte – und sich als 17-jähriger Stern, der vom Himmel gefallen schien, in Schweden anno 1958 gleich die Weltmeisterkrone aufsetzte.  Vordem hatte Didi als Maß aller Dinge gegolten, danach aber drehte sich alles um Edson Arantes do Nascimento aus Santos, kurz und bündig Pele. Ein Ballkünstler, der unter diesem Künstlernamen zum auf Jahre hinaus berühmtesten Fußballer der Welt wurde – ein Weltstar im Weltsport, wie es nur ganz wenige gab und gibt. Eine Ikone, ein Idol, ein Vorbild, weil Pele anders als andere Sport-, Film- oder TV-Giganten stets sich treu und Mensch geblieben ist. Und Mensch sein durfte, solange nicht ein Umfeld an PR- und Bodyguard-Mücken, die gerne Elefanten spielen woll(t)en, eine Mauer zwischen Fußballgott und Fußvolk aufbaute. Pele als Gefangener seiner Popularität.

Unsereins hatte dank der Vermittlung von Karl Hofer, seines Zeichens einst umtriebiger Wiener Manager in New Yorker Top-Hotels, im Jahre 1977 ein ganz spezielles Rendezvous mit einem der größten, wenn nicht als Gesamtkunstwerk größten Fußballers aller Zeiten. Der Hofer war´s, der mein Treff samt Exklusiv-Interview mit dem damaligen NY-Cosmos-Superstar Pele beim oder nach dem Training im Giants Stadium, Secaucus, New Jersey, arrangiert hatte, Agentur-Fotograf für Beweis-Schnappschüsse inklusive. Allein, vom Fotografen war zur vereinbarten Zeit weit und breit keine Spur. Auch als die Cosmos-Stars unter Coach Eddie Firmani, Italiener aus Südafrika, ihre Vormittagsarbeit samt Dusche hinter sich hatten, war er noch immer nicht zu sehen – und die Gefahr da, puncto „Beweismaterial“ fürs exklusive Gespräch durch die Finger zu schauen.

Nicht guter Rat, sondern ein Schuss Mut war nötig, um als kleiner Nobody aus Wien den Größten zu bitten, doch noch etwas zuzuwarten, bis …? Ich hätte mich nicht wundern dürfen, hätte sich Pele an die Stirn getippt und mich im Giants-Stadium (ohne Regen) stehen lassen. Aber Pele war eben anders. Mannschaft und Trainer fuhren ins Team-Hotel zurück – der Weltstar aber wollte mit meiner Wenigkeit zurückbleiben, bis der Fotograf dem Stau ent- und doch noch ankommt. Und wie vertrieb er sich mit mir die Zeit? Wir führten das Interview im Strafraum vor einem der beiden Tore – und während des Zwiegesprächs wurde entweder mit dem Ball „gegaberlt“ oder aber Elfer eingeschossen, einmal er im Tor, einmal der Metzger mit dem Schnauzbart, an den sich Pele noch 22 Jahre später im (Amsterdam)-PR-Countdown zu Neupers World Sports Award of the Century in der Staatsoper erinnern konnte. „Aber damals“ so Pele, „war der Bart um einiges größer als jetzt …“. Wo er recht hatte, hatte er recht.

Diese unglaubliche Story klingt fast so, als wär´s eine virtuelle Anekdote, aber sie stimmt von A bis Z. Und sie war auch der Spiegel der Realität, was den Fußballgott Pele betraf, der immer Mensch und auf dem Boden geblieben ist. Einer, der eben anders war und ist als andere, denen Ruhm, Geld und manch anderes, was Gott und Gesetze verbieten, den Kopf verdreht, um die Vernunft gebracht und skandalisiert hat. Abgesehen von einem missratenen Sohn blieb das einstige Wunderkind, aus dem ein Weltstar schlüpfte, über Jahre hinweg ein Musterknabe, der einem und dem man in die Augen schauen konnte ohne Wenn und Aber.

Pele, das ist kein Künstlername mehr, das hat sich bis zu seinem heutigen 80. Geburtstag eben längst zum Gesamtkunstwerk stilisiert. Pele mag man nicht nur, Pele liebt man eben. Und wünscht ihm, dass er auch seine Leiden noch jahrelang so genial austrickst wie früher seine Gegenspieler. Einer wie keiner, auch wenn solche Vergleiche stets hinken.

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