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Nicht nur im Marathon gelten Faustregeln von zu jung oder zu alt nicht mehr

Während sich die VCM-Gruppe um Veranstalter Wolfgang Konrad darauf vorbereitet, am Donnerstag das 2-Jahres-Jubläum des ersten, allerdings inoffiziellen Marathonlaufes unter zwei Stunden durch Doppelolympiasieger Eliud Kipchoge (1:59,40) zu feiern, verlor der inzwischen 38-jährige Kenianer am Sonntag seinen offiziellen Weltrekord an einen 15 Jahre jüngeren Landsmann. Kelvin Kiptum, so heißt der Jung-Twen, lief in Chicago um 34 Sekunden schneller als Kipchoge seinerzeit beim Berlin-Marathon, wobei ihm am Ende nur 36 Sekunden fehlten, um die in echten Wettkämpfen immer noch aktuelle zwei Stunden-Schallmauer zu knacken.

Wieder ein Beweis mehr, dass die Zeit nicht stehenbleibt und (Welt)-Rekorde dazu da sind, gebrochen zu werden. Was allerdings besonders auffällt, wenn nicht verblüfft, ist die unübersehbare Tatsache, dass dabei Alters-Faustregeln auf den Kopf gestellt oder außer Kraft gesetzt werden, die Jahrzehnte lang gegolten haben – nach unten ebenso wie nach oben. Vor gar nicht so langer Zeit hätte sich kaum jemand vorstellen können, dass ein 23jähriger schon ein derartiges Lungenvolumen und solch eine Ausdauer besitzen könnte, um 42mal den Kilometer unter zwei Minuten zu laufen. Naturtalent, lange Schulwege, anderes, optimiertes Training, neues Hi-Tech-Schuh-Material, dazu noch Ehrgeiz und hohe Geldprämien als Zusatzansporn, all das hat sozusagen im Paket zu dieser Entwicklung beigetragen. Eine Trendwende, die auch durch die neue Frauen-Weltrekordlerin Assefa bestätigt wird, die im zarten Laufalter von der Mittelstrecke auf die Langstrecke wechselte, mit 25 ihren ersten Marathon liefen, um beim zweiten in Berlin eine Fabelzeit unter 2:12 hinzuknallen, die vor wenigen Jahren noch kein Österreicher erzielt hatte.

Kiptum brach offiziellen Marathon-Weltrekord, Kipchoge vor zwei Jahren in Wien die Schallmauer.

Ja, wahrlich atemberaubend, wozu auf langen Strecken schon jüngere Semester fähig ist, was andererseits wieder in anderen Sportarten mit teils anderen Voraussetzungen und Herausforderungen von ewig jungen Athleten/Innen konterkariert wird. Um das allerjüngste alte Beispiel zu nennen, verweise ich auf den Sieg des erst frühreifen, dann Spätzünders Manuel Fettner auf der Mattenschanze Klingenthal als 38-Jähriger! Als 16-Jähriger hatte er für Aufsehen gesorgt, als er Fünfter am Bergisel wurde – und danach ins Niemandsland stürzte.

Erst 21 Jahre danach landete Fettner erstmals am Weltcup-Podest, um schließlich olympisches Einzelsilber und Mannschaftsgold zu gewinnen. Und er springt und springt wie früher der Japaner Kasai oder der noch weit ältere Vierfach-Olympiasieger Simon Amman, der zwar nichts mehr gewinnt, aber immer noch muntER mitmischt. Oder aber der norwegische Loipenjäger Einar Björndalen, der mit 40 zwei olympische und mit 42 seine letzte WM-Goldene im Biathlon gewann.

Und dass Alter auch dann nicht vor Klasse schützt, wenn die Tenniskarriere schon im Juniorenalter siegreich begonnen hat, das haben uns Federer und Nadal, aber auch ein Melzer, ein Gasquet, ganz zu schwiegen von Doppelspezialisten gezeigt – und das hüpft uns der 36-jährige, immer noch siegeshungrige Grand-Slam-Rekordler Novak Djokovic immer noch vor – ohne Ablaufdatum wie die Kicker-Ikonen Ronaldo (38) und Messi (36). Auf der einen Seite wird der Sport dort, wo ihn früher junggeblieben Ältere dominiert haben, immer jünger.

 Andererseits haben sich in Disziplinen, die nur für Teenager-Springinkerln reserviert zu sein schienen, man denke nur an die an Artistik grenzenden Sportarten wie Eiskunstlauf oder Turnen, sogar Mid-Twens wie Das 26Jährige Comeback-nicht-mehr-Kid Simone Biles aus den USA gesetzt, als hätte es nie eine zweijährige Burnout-Pause gegeben. Und nach der ersten und vor der zweiten Babypause hat ja auch Serena Williams noch kräftig mitgespielt, auch wenn sie keinen Grand-Slam-Titel mehr gewinnen konnte. Von ihrer älteren Schwester, der Venus, ganz zu schweigen, die im und mit Tennis sogar als 43Jährige einer unheilbaren Auto-Immunkrankheit trotzt.

Wie gesagt, die Uhren gehen in einer Zeit, in der die Sportwissenschaft, die Trainingsmethoden, die Physiologie, Psychologie, Prävention und Therapie eine immer größere, immer wichtigere, immer einflussreichere Rolle spielen. Alles, was da einmal über den Daumen gerechnet und als Faustregel bezeichnet wurde, stimmt nur noch in einem sehr eingeschränkten Maße.

Und wenn wir jetzt von den immer schnelleren Marathonzeiten reden, dann erinnere mich an jene LA-EM 1971 in Helsinki, wo unsere Ilona Gusenbauer als goldene Generalprobe für den kurz darauf folgenden Weltrekordsprung (1:92) den Titel gewann, an den frenetisch bejubelten finnischen 10.000-Sieger Väätinen, der das Feld von hinten aufgerollt hatte, um mit einer 53er-Schlussrunde zu triumphieren, damals eine Sensation. Heute gehören solche Sensationen zum Alltag in einer Sportwelt, die immer öfter auf den Kopf gestellt wird. Faustregeln von gestern sind wie die Faust aufs Aug.

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