Mein Freund Toni Polster hat sich ganz schön geirrt, als er gestern früh noch auf ein 10:0 des Europameisters Spanien getippt hatte, weil er erstens als Ex-Spanien-Legionär (Sevilla, Rayo Vallecano, Logrono) natürlich eine Schlagseite hatte, die die Iberer mit dem teilweise immer noch regierenden Tiki-Taka-Kick von gestern maßlos überschätzte. Ja, hätten die Spanier zwei rotweißrote Rekordschützen wie den umtriebigen Toni oder den im TV-Werbespot ironisch „primären“ Krankl in Barcelona gehabt, dann hätten sie sich sicher nicht mit dem 0:0 gegen die Cap-Verde-Insulaner bis auf die heilen Knochen blamiert.
Dabei hätte ein Mann wie der Ägypter Ashour (Foto) genügt, der mit einem herzhaften Flachschuss aus etwa 18 bis 20m das 1:0 der Nordafrikaner um den (von Liverpool geschiedenen) Superstar Mo Salah gegen Belgien erzielte – jener nur noch silbernen Generation an einst güldenen roten Teufeln, deren Advocatus Diaboli Lukaku – 22 Sekunden nach der Einwechslung – plakativ demonstrierte, warum er als Napoli-Legionär und Belgien-Rettungsengel in der Not immer noch Bulldozer genannt wird. Sein wuchtiger Körper und sein Fuß waren entscheidend im Spiel mit dem Ball, obwohl das 1:1 für Belgien offiziell als ägyptisches Eigentor gewertet wurde.
Zurück zum Thema. Angefangen vom Eröffnungsspiel, das die Mexikaner gegen Südafrika weit höher als 2:0 gewinnen hätten müssem, zieht sich das mangelhafte bis gar nicht praktizierte oder nicht vorhandene Schußvermögen bei dieser WM-Endrunde mit ganz wenigen Ausnahmen durch die Bank durcj – trotz des 7:1-Schützenfestes gegen die Curacao-Liköre auch bei den Deutschen, die als Chancenverschleuderer inHälfte eins locker einen zweistellogen Rekordsieg hätten landen müssen/können wie einst Ungarn gegen El Salvadaor in Spamien (10:1).
Warum schießen alle so schlecht, immer vorausgesetzt, dass sie überhaupt zum Schuss ansetzen und nicht nur auf die sogenannten Standardsituationen bauen, auf die sie offensichtlich im Training dressiert werden mit Flankenschlägen und Abpraller- oder Kopfballtoren – und die dann im Ernstfall doch nicht fallen, weil irgendwann irgendein Körperteil im dichten Strafraum-, modern gesagt: Box-Verkehr, im Weg steht. Johann K., dessen linker Fuß einst gefürchtet war von Rapid übers Team bis Barcelona, sucht und findet die Schuld bei den heutigen Trainern, die dem Spiel gegen den Ball die Prioriträt einräumen, aber Schusstraining hintanstellen, wenn es solches überhaupt noch gibt…
Seine Theorie oder These hat was für sich, ob man den Geisterscheider Krankl mag oder auch nicht, denn sie wird durch den TV-Lokalaugenschein täglich bestätigt. Der Ball wird so lang hin- und hergeschoben, bis der Gegner die Schotten, wie man sagt, dann dicht gemacht hat mit einem Abwehrriegel, eigene Spitzen inbegriffen. Bin schon neugierig, ob wir gegen Jordanien entweder auf Safety-First zum Auftakt im Stadium der San Francisco 49ers setzen oder doch Tempofußball gegen das mehr oder weniger unbeschriebene Kicker-Blatt spielen. Bisher haben wir von den patriotisch-euphorischen bis hysterischen TV-Experten und Print-Medien so gut wie nichts über die Kicker aus dem Haschemiten-Königreich gehört, gesehen oder gelesen, ganz so, als wären sie so uninteressant wie Cap Verde bis gestern.
Wer weiß, ob die in Kriegs- und Krisengebieten rund um Israel, Libanon, Syrien und Saudi Arabien aufgewachsenen Jordan-Kicker nicht auch sportliche Scharfschützen in ihren Reihen haben wie jenen Ägypter, der anders als andere, weit promintere Ballesterer den Mumm hatte, einendann erfoplgreocen Torschuss zu wagen, gegen den auch Real-Madrid-Keeper Courtois, einer der weltbesten Tormänner mit knapp zwei Metern Größe, machtlos war. Morgen früh werden wir wissen, woran wir sind, wenn der WM-Ernstfall eintritt statt Hysterie. Alles andere ist nur eine bisher verpasste, darum auch unüberprüfte Spekulation. Hoffentlich irren wir uns nicht so wie Toni mit seiner Cap-Verde-Probgnose gegen Spanien.
