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Vom runderneuerten Tennismillionär Murray, den Wettbewerbssucht treibt

Respekt, höchster Respekt, Andy Murray! Wie sich der Schotte zuletzt immer mehr und besser mit einer künstlichen und der anderen, ebenso operierten Hüfte als Mittdreißiger zurückkämpft, das ist höchst bewundernswert. Vor allem deshalb, weil der dreifache Grand-Slam- und einzige zweimalige Olympiasieger als mehrfacher Millionär alles, nur keine finanziellen Sorgen und damit Motive hätte, um nach einigen Operationen und langer Zwangspause zum Schläger zu greifen. Ob Andy Murray tennissüchtig ist, das weiß ich nicht, aber als Weggefährte des ersten britischen Grand-Slam-Siegers seit der Zwischenkriegszeit kann ich mich sehr wohl und gut erinnern, dass er vor 16 Jahren als Wunderkind angekündigt und dann von den Medien geprügelt wurde, weil er jahrelang die Vorschusslorbeeren nicht einlösen konnte, erst recht dann, wenn er auf Sand am Sand war wie oft in Monte Carlo zum Clay-Court-Saisonstart.

Wer weiß, ob andere Spieler diese knallharte, oft beleidigende Kritik weggesteckt oder aber aufgesteckt hätten. Aber je mehr Murray an den Rücken zur Wand gedrängt wurde, umso härter und eindrucksvoller hatte Andy schon mit natürlichen Hüften zugeschlagen, um manch Tennis-Frust in Sieges-Lust und knappe Grand-Slam-Final-Pleiten (insgesamt sechs) im dritten Anlauf in den ersten von drei Endspiel-Triumphe zu verwandeln. Ein Spiel, das er jetzt als Runderneuerter in Neuauflage auch in Wien (Dreisatzsieg gegen Hurkacz, Polen, Nr. 8) deshalb fortsetzt, weil er – so hat er kürzlich in einem „Standard“-Interview betont – „vom Wettbewerb getrieben ist!“ Ja, das ist der springende Punkt, den ein Spitzensportler braucht, um Spitzenleistungen zu bringen oder Handicaps zu überwinden und Defizite auszugleichen.

Ob es Murray im Generationenduell mit dem 18jährigen Spanier Carlos Alcaraz noch einen Schritt weiter im Comeback schaffen kann, das wird sich noch weisen. Allein die Tatsache aber, mit welch Hingabe, welch Einsatz, welch Können und Kraft der Schotte darum kämpft, als wieder lauffähiger, schmerzfreier Mittdreißiger das Rad der Zeit zurückzudrehen, ist aller Ehren wert. Man darf gespannt sein, ob es ihm als zweifachen Erste-Bank-Open-Sieger (2014/16) ebenso gelingt wie als Triple-Grand-Slam-Sieger, der sich von jenseits der Top 1000 allmählich wieder Richtung Top 100 bewegt. Wie gesagt, die Triebfeder Wettbewerbssucht ist ein nicht ein-, vor allem aber nicht zu unterschätzender Faktor. Samt seiner (Spiel-)Intelligenz, dank derer er auch gelernt hat, mit den runderneuerten Hüften zu leben. Andy Murray ist mehr als ein Tennisstar und Ticketseller – für mich ist er auch ein Vorbild für viele, die mit ähnlichen Verletzungen und Abnützungen kämpfen. Chapeau!

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