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Vom Top-Kufenflitzer Odor, der im Schatten der im Austria-House tanzenden Shiffrin blieb

 

 

 

Ich habe gestern versprochen, mich heute mit dem Eisschnellaufen und dem hervorragenden achten  Platz des Tirolers Gabriel Odor in einer absoluten Weltklassezeit (1:45,18) zu beschäftigen. Dabei sei nicht nur an die aus Ungarn geholte Olympiasiegerin Emese Hunyady erinnert (1500m, Lillehammer 94) und  jüngeren Datums in erster Linie an Sprintweltmeisterin Vanessa Herzog, sondern an jene Tiroler Keimzelle der 80er-Jahre, die zwei Jahrzehnte nach dem Wiener Hafnermeister Hermann Strutz (Olympia-5. in Innsbruck 1964, 5000m) das inzwischen österreichweit eingefrorene Interesse am Eisschnelllaufen auch angesichts fehlender Medaillen in Sarajevo 1984 auftaute.

Die erste Lok, die einen D-Zug anführte, hieß Werner Jäger, mittlerweile 66-jähriger Präsident des Tiroler Verbandes, der damals mit Platz 8 wie jetzt Odor in Mailand über 5000m für Licht im allgemeinen ÖOC-Dunkel in Sarajevbo gesorgt hatte – sozusagen Signal zum Angriff des damals noch Jung-Twens Michael Hadschieff, der dann als 10.000m-Fünfter eines der wenigen herausragenden olym pischen Ergebnisse erzielte als noch unbekannte Größe. So wenig geläufig bis ungewöhnlich wie sein bulgarisch klingender Name, den der legendäre Helmut Zilk beim mauen Wien-Empfang mit den Worten aus- und hochlobte, „dass wir ja auch einen Hatschik haben…“ Da wusste der „Sportminister“ noch nicht, dass dieser Hadschieff vulgo Hatschik einmal Weltmeister, Europameister und zweifacher Olympiamedailllengewinner werden würde. Initialzünder Jäger, der in der Karriere danach auch Polizei-Karriere machte bis zu hohen Graden, war zum Schattenmann geworden.

Heute dankt Jäger der Olympiastadt Innsbruck, dass sie in guten wie schlechteren Zeiten dem Eisschnelllauf so treu blieb, bis nach der Vanessa-, Hager- und Heidegger-Weltklasse-Garde jetzt die nächste Erfolgsgeneration mit Heeres-Zugführer Gabriel Odor, Juniorenweltmeisterin Jeannine Rosner (19) und Jungtwen Alexander Farthofer (20, im Herbst bis 4 Sekunden an 5000m-Traumgrenze rangelaufen) als Jungspunde eingeschränkte Oympia-Quotenplätze holten.

Ich bin mir sicher, dass neun von zehn oder 95 von 100 Befragten mit dem Namen Odor wenig bis nichts anfangen können, ihn womöglich mit Odol oder Odeur verwechseln, weil er als Tiroler meist im fernen Calgary in Kanada trainiert und zudem trotz Weltklasseleistungen eher ein  mediales Mauerblümchen blieb in der Relation zum touristisch natürlich wichtigeren (Alpin-) Skisport, der bei diesen Spielen immer mehr von einem Expertisen-Overkill im Fernsehen begleitet wurde. Und da dem so ist, wie es ist, hat der ausgelassene Siegesrausch der auf der Bühne statt Piste tanzenden Mikaela Shiffrin im Österreich-Haus zu Cortina natürlich mehr mediale Resonanz erzeugt als eine sportliche Weltklasseleistung eines klassischen Kufenflitzers, der sich als Heeres- und Randsportler das Geld selbst für sein Training im Ausland (von Inzell über Heerenveen bis Übersee) vom Mund absparen muss. Er müsste wohl eine Medaille im Massenszart holen, damit man ihn als olympischen Topsportler wahrnimmt…

Tirol und Innsbruck, aber auch dem nur eine Stunde entfernten bayrischen Inzell sei gedankt, dass es zumindest im Westen in unseren und nahe deutscher Grenzen jenes Eis noch gibt, auf dem die ästhetischen Sportler: Innen ihre Runden drehen können. Wien, das einst am Heumarkt beim Eislaufverein das pulsierende Schnelllaufherz Österreichs gewesen war von den Zwischenkriegszeit-Goldkindern Stiepl und Wazulek bis zur Nachkriegsgeneration von Mannsbarth, Offenberger und Strutz, hat im wahrsten Sinn des Wortes abgebaut. Obwohl es mit Hunyady, trotz Wohnsitz Baden fast Wienerin, trotz eines Hadschieff immer noch Galionsfuguren gehabt hätte, ließen die (eher unsportlichen) Rathauspolitiker den Eisring Süd schleifen, womit außer ein bisserl Shorttracking jenseits der Donau dem Schnelllauf der Boden unter den Kufen weggezogen wurde. Auch das ist eine der Kehrseiten politischer Eisträume …. 

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