Metzger.Live

Von Thiem-Exorzismus, Freud´schen Fehlern und Jungmeister-Sensation

Ehe heute Abend in Old Trafford den ÖFB-Fußballdamen die Stunde schlägt, hat Dominic Thiem nach 419 Tagen und sieben Erstrunden-Pleiten endlich wieder über einen Sieg jubeln können. Dabei hatte es im Salzburger Volksgarten die längste Zeit gar nicht so gut ausgesehen für den zwangsweise der Pause wegen auch rechnerisch auf Platz 346 zurückgefallenen US-Open-Sieger 2020 und Weltranglistendritten im Schlagabtausch mit dem 20jährigen Austro-Kroaten Filip Misolic, der zuletzt im Finale der Staatsmeisterschaften in Oberpullendorf gegen den 19jährigen Lukas Neumayer in einem Duell der neuen Generation verloren hatte.

Als sich bei einer klaren Misolics-Führung im zweiten Satz ein möglicher Flop anzubahnen drohte, schaltete dann Thiem mit dem Rücken zur Wand einen Gang höher, um 6:4, 7:5 zu gewinnen, auf – und durchatmen zu können. Kein Sieg schmeckt schöner als einer, bei dem man auch den Teufel in sich austreiben muss. Gretchenfrage: Wie befreit ist Thiem nach diesem sportlichen Exorzismus, den er so dringend gebraucht hat, um die Selbstzweifel zu beseitigen.

Auch meine Wenigkeit muss sich an die Brust klopfen, ist ihr doch im Tennis-Blog über Tulln, Salzburg und Sportdirektor Melzer insofern ein peinlicher Freund´scher Fehler unterlaufen, weil ich den neuen ÖTV-Präsidenten Ohneberg, als tüchtiger Unternehmen auch Industriellenpräsident Vorarlbergs, zum Ohnesorg „befördert“ habe, ohne es zu merken oder zu korrigieren. Dafür möchte ich mich entschuldigen und darauf verweisen, dass Ohneberg den ohne Sorgen „in Zeiten wie diesen fast als Ritterschlag“ gesehen hat. Der Präsident aus dem Ländle, der den zum Finanzminister aufgestiegenen Landsmann Magnus Brunner nachfolgte, besitzt also durchaus Mutterwitz. Motto: Humor ist´s, wenn man trotzdem lacht.

Was die eine oder andere Kritik am Tennisverband und meiner Ansicht nach eher trennenden, denn einenden Aktivitäten betrifft, werden wir uns so schnell nicht einig werden. Wobei es in erster Linie um den Job oder: das Anforderungsprofil des Sportdirektors geht. So sehr ich Jürgen Melzer als Klassespieler geschätzt habe, der als einer von nur drei Österreichern auch eine Zeit lang unter den Top 10 figurierte, so wenig kann ich mit seinem Aktionsradius anfangen. Gut möglich, dass da eine Begriffsverwechslung vorliegt, was Cheftrainer und Sportchef anbelangt, zwei Rollen, die vor allem beim Einzelsport Tennis schwer unter einen Hut zu bringen sind.

Lukas Neumayer nahm die Simon-Hürde, während Filip Misolic schlussendlich am großen Thiem scheiterte.

Wie der Titel schon sagt, so bedeutet ja Sportdirektor, dass er diesen Sport im Lande in die richtige Richtung dirigieren soll, also in Form von zukunftsweisenden Konzepten nach eingehenden Lokalaugenscheinen. Ob sich das mit der Tätigkeit als Touring Coach von jungen SpielerInnen vereinbaren lässt, wage ich allerdfings zu bezweifeln. Wer “on Tour“ ist, kann schwerlich Hausaufgaben erledigen. Nicht einmal ein im Tennis verwurzelter Ex-Klassespieler wie Melzer, von dem es heißt, er werde künftig Filip Misolic auf dem Weg nach vorn begleiten. Wie vordem kurze Zeit auch Barbara Haas…

Womit wir mit Misolic auch wieder bei Dominic Thiem sind, der hin und wieder Schläge auspackte, die an alte, gute Zeiten erinnerten. Aber sein Gegner ist immer noch ein ITF- und Challenger-Spieler, aber keine etablierte Größe bei den Großen – und als er vermeintlich zu einer Überraschung auszuholen begann, wuchs ihm der Druck über den Kopf.  So schnell wird das dem Argentinier Facundo Bagnis kaum passieren, der immerhin im Volksgarten den im Vorjahr in Anif errungenen Titel verteidigt. Und es sagt auch wenig, dass er zuletzt in Wimbledon gegen den langjährigen Trainingspartner und Thiem-Freund Novak verloren hat, weil Bagnis halt eher auf Sand daheim ist denn auf Rasen. Auf Thiem kommt jetzt ein Duell zu, in dem er sich wie in einem Match befindet, in dem er gerade dem Gegner den Aufschlag abgenommen hat. Es geht darum, dieses lang ersehnte, hart erkämpfte Break gegen den negativen „Streak“ zu bestätigen. Wenn´s gelingt, kann´s zu einem Katalysator werden.

Aber Thiem hin, Dominic her, da Hoffnung, dort noch Bangen – die Sensation des zweiten Turniertages lieferte der neue Staatsmeister Lukas Neumayer, immer noch Teenager, aus einer Sportlerfamilie aus Radstadt. Natürlich ist der elegante Franzose Gilles Simon, 37, einst Top 10-Spieler, nicht mehr das, was er war, trotzdem muss ihn ein auf Tour- und Challenger-Ebene noch unerfahrener Teenager erst einmal 6:2, 6:4 wegputzen. Mit ihm, mit Misolic und noch jüngeren SpielerInnen, die sich erst einen Namen machen müssen, könnte eine rotweißrote Tennis-Zukunft beginnen, die an vergangene, bessere Zeiten anschließt. Geschichte wird durch Pendelbewegungen geprägt. Auch im Tennis.

Die mobile Version verlassen