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Wien-Marathon: Mann mit dem Hammer schlug zu, Spätzünderin mit Overdrive zu Sekundenrekord

Die alljährliche Schlacht ist geschlagen und schon Geschichte, die auch in den Annalen mit einem neuen Streckenrekord der Männer und einem österreichischen Rekord der Frauen ihren Eingang gefunden hat. Ja, ganz Wien war an diesem 23. April wieder Marathon und der Vienna City Marathon sportlich wiederum eine Einbahn für die Läufer: Innen aus Kenia. Hinter dem neuen Rekordler Samwel Mailu (2:05,08) staffelten sich weitere sechs Kenianer, bei den Frauen gab´s einen kenianischen Doppelsieg und fünf weitere Ostafrikanerinnen unter den Top sieben.

Um den kleinsten aller Unterschiede, die es Marathon gibt, nämlich den Wimpernschlag einer Sekunde auf 42,195 km, löste die Marathon-Debütantin Julia Mayer ihr Versprechen ein, bei ihrer echten Marathon-Premiere den Rekord (Andrea Mayr und Eva Wutti zeitgleich 2:30,43) zu brechen. Während die ehemalige Fußballerin (u. a. Gloggnitz, Wr. Neustadt), Admira-Kindertrainerin, karenzierte Lehrerin und spätberufene Läuferin (erst seit 2017) mit geschlossenen Augen die letzten Reserven mobilisierte, schlich der vordem so zuversichtliche, von einem Rekordlauf überzeugte Andreas Vojta mit etwa zehn Minuten Rückstand auf seine allzu optimistische Marschtabelle über die Ziellinie.

Da sein Wille ihn den Weg bis zum bitteren Ende gewiesen hatte, verneigte sich das Medien-Fußvolk fast schon in ehrfürchtigem Respekt bis Hochachtung vor der Selbstüberwindung des hochaufgeschossenen nicht gerade Marathon-Idealbildes, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass er als neuer Staatsmeister jetzt sogar Günther Weidlinger als erfolgreichsten heimischen Lauftitelsammler übertroffen hatte. Also auch ohne Rekord ein neuer Rekord. Wenn das Baguette, sprich Olympialimit, zu knackig ist, dann begnügt man sich halt mit weichen Fingerfood-Brötchen.

Vom, Hammer getroffener Vojta, Sekunden-Rekordlerin Julia Mayer und Streckenrekordler Mailu. Fotos: VCM/Hagen

Mein alter, verehrter Freund Roland Gusenbauer, Ex-Trainergatte der Hochsprungweltrekordlerin Ilona, möge mir verzeihen, wenn ich einige Dinge ins rechte Lot zu rücken versuche. Ich weiß, dass Roland vom Andi Vojta viel mehr hält als ich, aber dahinter kann wohl nicht nur Euphorie über seine Zeiten und Resultate stecken. Die nämlich sind ein Didi Millonig, Robert Nemeth und auch VCM-Veranstalter Konrad schon vor Jahrzehnten locker gelaufen, ganz zu schweigen von Hallen-EM-Gold (Millonig 1986, 3000m, Madrid) und Finalplätzen bei olympischen und EM-Medaillenrennen, von denen Freund Vojta nur träumen kann. Meines Wissens nach ist´s A.V. seit der EM 2011 in Barcelona trotz Vorschusslorbeeren nie Neuregelungen  gelungen, irgendwann irgendwo irgendeinen wesentlichen Vorlauf zu überstehen, nicht zu reden von Endläufen.

Trotzdem wird er hofiert. Ob´s damit zu tun hat, dass er als für heimische Begriffe und damit meist Europa-sportlich mittelmäßigen Sud als Sohn eines SP-Bürgermeisters aus Gerasdorf einen speziellen Bonus genossen hat oder genießt, das weiß ich nicht. Ohne dem von Wilhelm Lilge, für viele ein Feindbild, trainierten A. V. jetzt nahezutreten oder gar niedermachen zu wollen, so gehört auch er offensichtlich zur Sorte jener heimischen Sportler, über die es in der Relation zum wahren Leistungsstandard überproportional viel zu sehen, zu hören und zu lesen gibt, ganz so, als wäre er auf dem Sprung zu einem ganz Großen. Nicht nur körperlich, was an sich eher schädlich ist für Langstreckler. Und eben diesen selbstbewussten Eindruck hatte Vojta ja vor dem Start vermittelt, als er den Mund etwas zu voll nahm, die Nervosität als Energiespender bezeichnete und angesichts des als Tempomacher locker ausgelaufenen ersten Vorjahrs-Marathons von sich behauptete, ganz sicher das Potenzial für 2:10 oder besser, also den neuen Rekord, zu besitzen.

Realitätsfern. Schon nach 18 km holte die Prognosen der Mann mit dem Hammer ein. Der Prophet, so könnte man in zynischer Abwandlung sagen, gilt nichts im eigenen Körper. Er werde, so meinte A. V., für seine Willenskraft vom eher sportfremden HBP bewundert, aus diesem Fehler lernen. Paris jedenfalls ist trotz der Staatsmeisterpunkte fürs World Ranking (für Olympia wird aufgefüllt, wenn zu wenige das Limit haben) zumindest einen oder zwei weitere Marathons von einer Anreise entfernt.

Ob fauch für all jene, die A. V., seinem Trainer, dem Management und befreundeter Lobby aus der Hand fressen, dieser Marathon-Flop eine Lektion gewesen ist, das kann ich mir nicht vorstellen. Wo Not an Mann ist, dort werden auch Männer zweiter Wahl oder sekundären Rahmens zu neuen Helden der Sportnation stilisiert, schlag nach beim Tennis, wo alles Erler-NMiedler zu sein scheint nach dem 4. Doppeltitel. Die Wunderdinge, die man ihnen nachsagt und vorhersagt, treffen meist ebenso wenig ein wie manch eine der angekündigten Rekord-Jagden. D

em mehr oder weniger Marathonneuling Julia Mayer – sie ist übrigens auch schon beim Resnik-Streif-Event (WECR) den Abfahrtsklassiker bergauf gerannt! – hingegen ist vom Herzen zu gratulieren, dass sie als Spätzünderin im letzten Moment doch noch den Overdrive hat einschalten können, um in die heimischen Annalen zu stürzen. Als Realistin aber weiß die tatsächlich in ihrer Art und Weise zauberhafte Julia, dass ein rotweißroter Solopagat noch lange nichts mit Weltklasse zu tun hat. Dabei bleib ich, auch wenn man mich als Nestbeschmutzer beschimpfen sollte. Die Messlatte jenseits engstirniger Grenzen liegt halt viel, viel höher. Dass sich der Wien-Marathon hingegen zu einem echten Spektakel mit Volksfestcharakter entwickelt hat, das steht nach dem 40-Jahr-Jubiläum (39.Auflage) außer Diskussion.

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