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Von Thiem, Tuchel, überschätzten Trainereffekten und langfristigen Trainerdefekten

Trainereffekt nach Trainerdefekt – ja, so wird´s uns oft plakativ suggeriert, ganz so, als würde sich das Gesicht einer Mannschaft, Frauentruppe oder eines Sportlers oder einer Sportlerin mit einem neuen Betreuergesicht quasi über Nacht verändern. Natürlich kann aus einer alle Kräfte mobilisierenden Trotzreaktion mitunter ein eher kurzfristiger Erfolg entstehen, was ein Coach (sagt man jetzt auch Coachin?) aber wirklich (bewegen) kann, das zeigt sich über lang und nicht kurz.

Ich beschäftige mich mit diesem Thema nicht nur deshalb, weil unser Tennis-Aushängeschild Dominic Thiem, kaum dass der Deutsch-Perser Benjamin Ebrahimzadeh den Chilenen Massu abgelöst hat, einen Zweisatz-Sieg gegen den Ex-Top10-Spieler Richard Gasquet in Monte Carlo folgen hat lassen – und so ausgeschildert, als hätte ihm der neue Coach wie Popeye im Cartoon-Classiker eine Portion Spinat verabreicht, die seine Mentalstärke und Muskelkraft binnen zwei Tagen um 100% gehoben hätte.

Das ist, wenn sie mich fragen, natürlich ebensolcher Mumpitz, als würde man nach dem Aus im Pokal und dem 0:3 im Champions-League-Duell mit Manchester City den Stab über den Nagelsmann-Nachfolger, mehrfachen Meistermacher und Champions-League-Sieger Thomas Tuchel und jene Bayern-Führung brechen, die ihn in einem Paukenschlag geholt hatten.

Wie bei Thiem, bei dem es höchste Zeit gewesen war, nach einem schon länger zerknitterten alten ein neues Kapitel aufzuschlagen, ist ja der Trainerwechsel beim FC Bayern keine Kurzschlusshandlung gewesen, wie sie uns der deutsche Abonnementmeister mit dem Nagelsmann-Skikurzurlaub im Zillertal vorgaukeln will.

Die Entscheidung, den einst um 25 Millionen von Leipzig abgekauften Jungtrainer-Wunderwuzzi zu entlassen, muss über Tage, nein Wochen gereift sein, wobei wir nicht wissen, was der allzu selbstbewusste Nagelsmann in Anwandlung von Selbstüberschätzung bis Größenwahn seiner (Nicht-mehr-) Bild-Zeitung-Freundin womöglich brühwarm erzählt hat, was sich beim Klub abspielt, also Kabinengeflüster vom Feinsten, aber auch Intimsten, was verboten ist.

Und wen holt man sich da, wenn guter Rat teuer ist? Einen ganz sicher teuren Mann, der von Dortmund über Paris bis Chelsea gezeigt und bewiesen hat, dass er nicht nur als Kenner und Könner einiges auf dem Kasten hat, sondern im Not- und Ernstfall ohne Rücksicht auf (auch eigene) Verluste durchgreift. Natürlich sind das Pokal-K. o. gegen Freiburg und die 0:3-Klatsche in Manchester bittere Pillen, aber wenn, wann und wo man sich dazu durchringt, aus welchen Motiven wie immer Nägel mit Köpfen zu machen, dann und dort muss man Flagge zeigen und klare Linien auch konsequent verfolgen.

Natürlich stimmt es, dass Sport im Allgemeinen und der Fußball im Besonderen kurzlebiger denn je sind, nichtsdestotrotz aber sind es durchdachte, vernünftige Langzeitkonzepte, die schlussendlich auch an gewünschte Ziele führen. Sonst enden bejubelte Effekte über eher kurz denn lang in   oft irreparablen Defekten. Also warten wir lieber ab, wie es sowohl bei Thiem als auch bei Bayern weitergeht,  bevor wir voreilige Schlüsse ziehen oder (Vor-) Urteile fällen.

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