Tennis

Buben-Image, aber Klassemann

Auch wenn sein Image noch immer ein wenig bubenhaft sein mag – auf dem Center Courts in aller Welt steht Dominic Thiem den ganzen Mann. Und wenn auch nur die Hardcore-Tennisfans seinen Frühmorgen-Auftritt gegen den chancenlosen australischen Außenseiter Alex de Minaur live verfolgt haben, es würde sich lohnen, eine Aufzeichnung davon zu sehen. Der inzwischen 27-Jährige Thiem hat sich vom allseits gerühmten Talent zu einem kompletten Klassespieler entwickelt, der kaum Schwächen oder Defizite hat, aber dafür vom Aufschlag bis zum Passierball, vom Return bis zum Stoppball über ein „Waffen-Arsenal“ verfügt, um das ihn viele beneiden. Dazu kann man, auch wenn er sich längst von seinem Entdecker und Förderer Günter Bresnik getrennt hat, nur sagen: Früh hat sich geübt, wer Meister werden will. Oder: Gelernt ist gelernt. Von gut bis bestens.

Und der „Dominator“ mit dem neuen DT-Logo hat im Laufe seiner fast zehn Profi-Jahre vor allem das wichtigste Grundprinzip aller Größen gelernt, das da lautet: Du musst dein bestes Tennis dann auspacken, wenn es gefragt ist. Einerseits, wenn du mit dem Rücken zur Wand stehst. Andererseits, wenn es gilt, den angeschlagenen Gegner mit knallharten Schlägen oder butterweichem, gefühlvollem Slice an die Wand zu spielen. Würde im Semifinale nicht ein unkonventioneller, unberechenbarer, aber ebenso kompletter Spieler wie Daniil Medwedew warten, so emotionslos wie der legendäre Buster Keaton in Stummfilmzeiten, man könnte fast auf ein Finale oder gar den ersten Grand-Slam-Triumph von Thiem wetten, mit dem er um Grand-Slam-Siegespionier Muster aufschließen würde.

Wie immer aber das Semifinalduell der beiden doch so unterschiedlichen Typen auch ausgeht am Freitag – aus dem bubenhaften Dominic beginnt langsam, aber sicher eine Allzeitgröße nicht nur der heimischen Szene, sondern des Weltsports Tennis zu schlüpfen. Seiner Favoritenrolle unter allen und ungekannten Umständen gerecht zu werden, das gelingt in der Regel nur den echten Größen, zu denen Thiem mittlerweile längst gehört. Dreimal in einem Endspiel, fünfmal im Semfinale eines Grand-Slam, diese Bilanz allein spricht schon für sich. Davon können mit Verlaub nur die wenigsten Österreicher träumen. Und es scheint – ganz ohne patriotische Euphorie und Übertreibung – nur eine Frage der Zeit, wann er sich die Krone aufsetzt. Vielleicht schon jetzt in New York beim verrücktesten US-Open aller Neuzeiten…

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