fbpx
LIVE MIT JOE METZGER

Das Beispiel des Holger Rune sollte auch als Signalwirkung für und bei uns dienen

Er war selbst ein guter Allroundsportler, aber kein Ass im Tennis. Dafür hatte der heuer so plötzlich verstorbene Ronnie Leitgeb sehr wohl ein Aug´ für Talente – und was sich aus ihnen formen lässt. Was er mit Rat und Tat von Granden wie Fibak und Lendl aus Thomas Muster einst gemacht hat, ist ja Geschichte. Ich möchte Tennisfans daran erinnern, dass mir Ronnie im Countdown zu seinem damals von Houston übernommenen Turnier in Marbella einen dänischen Teenager namens Holger (Vitus Noedskov) Rune als Star von übermorgen angekündigt hat, dem er darum wie dem ein Jahr jüngeren Borg-Sohn Leo mit einer Wildcard vorerst für die Qualifikation bedacht habe. Ohne mich nachträglich zu berühmen, hab´ ich Leitgeb damals mit gar nicht so schwierigem Internet-Wissen überrascht. „Ronnie, kenn´ den Namen vom Surfen, er hat schon einige Topresultate in Südamerika und bei Mittelmeerturnieren geschafft“, gab ich am Telefon kund.

Damals stand Rune noch total im Schatten des gleichaltrigen Kometen Carlos „Carlito“ Alcaraz. Damals musste er, noch keine 18, erst Lehrgeld zahlen, das sich aber, wie die Rune-Geschichte lehrt, mehr als rentiert hat. Ein Jahr nach dem etwas kleineren Senkrechtstarter aus Spanien setzte Holger ab dem Frühjahr vor allem bei wichtigen Turnieren zu einem Himmelsturm ab, bei der eine Raketenstufe nach der anderen zündete. Als Nummer 103 hatte er das Jahr begonnen, also etwa dort, wo der rekonvaleszente Ex-Grand-Slam-Sieger Dominic Thiem jetzt steht – und nach dem vierten ATP-Turniersieg, dem ersten einer 1000er-Serie und dem Triumph über Djokovic, den längsten Langzeit-Weltranglistenersten und 21maligen Grand-Slam-Sieger, knackte Holger Vitus Noedskov Rune in Paris-Bercy auch gleich die Top Ten als Zehnter im Ranking.


Nicht nur das, damit wechselte der Teenager nach dem verletzungsbedingten Alcaraz-Aus auch vom Next-Generation-Finalturnier gleich als erster Reservist zum ATP-Finale nach Turin. Schwarz auf weiß stimmt es zwar, dass kein Däne vor Rune diese Top-10-Platzierung geschafft hat. Aber nur bedingt, weil es dieses Ranking in den 50er-Jahren noch gar nicht gegeben hatte, in denen der legendäre Kurt Nielsen zweimal in einem Grand-Slam-Einzel stand und mit der ebenso legendären Afro-Amerikanerin Althea Gibson sogar einen Grand-Slam-Mixed-Titel holte. Abgesehen von den vor allem im Doppel erfolgreichen Ulrich-Brüdern Torben und Jörgen gab´s noch einen Dänen, der als Teenager die Nr. 1 der Welt war, den Australien-Open-Juniors-Titel gewann und im Wimbledon-Juniorenfinale gegen einen gewissen Jürgen Melzer verlor: Kristian Pless, dessen Karriere bei den Großen wegen einer mehrfach operierten Schulter auch mehrmals unterbrochen und vorzeitig beendet werden musste.

Vater Anders, Holger, Mama Aneke.

Nicht nur Ronnie, Gott hab´ ihn selig, witterte seinerzeit, welch Potenzial in Rune stecken würde. Holger war schon U14-Europameister, mit 15 der jüngste dänische Hallenmeister, vor eineinhalb Jahren weltweit die Nr. 1 bei den Junioren. Aber anders als manch einer aus dem rotweißroten Talente-Schuppen, von dem Wunderdinge prophezeit wurden, dessen Zukunft aber mittlerweile meist schon Vergangenheit ist oder zu werden droht, hat dieser Däne nicht Sternchen gesehen, sondern mittlerweile Sterne vom Himmel geholt. Nur eine Frage des Talents oder Naturells? Oder auch des Milieus, also des sportlichen, administrativen, finanziellen wie medialen Umfelds, das (vielleicht) nicht immer, aber immer öfter Scheuklappen trägt, und frei nach dem Volksmund wie der Blinde von der Farb´ redet.

Es sei angemerkt, dass besagte Rune heuer zwar ein halbes Dutzend an Erstrunden-Flops in Folge verdauen musste, aber bei Durchsicht der Fakten daraus die richtigen Lehren zog, um nicht auf zweiter Turnier-Ebene, sondern in der Beletage wie in Monte Carlo, München, den French Open und anderen größeren Turnieren jene Punkte zu holen, mit denen er sich etablieren konnte. Das weist darauf hin, dass es zu den besonderen Fähigkeiten des Teenagers gehört, sich auf wichtige Turniere so zu fokussieren wie sich Topstars auf wichtige Punkte konzentrieren können. Im wahrsten Sinn des Wortes ein ganz wichtiges Ass, das er aus dem Ärmel zieht.

Eine Qualität, die nicht von schlechten Eltern ist und auch als Stichwort dient. Wie einst bei der polnischen Dänin Caroline Wozniacki, so lautet auch bei den Runes das Motto: Bring your family! Mama Aneke (wie Vater Anders und Geschwister) ist nicht wegzudenken aus der ersten Reihe, auch wenn Holger seit einiger Zeit vom Trainer-Guru Patrick Mouratoglou betreut wird. Die (Bildungs)-Basis für den Aufstieg wurde ganz bestimmt im dänischen Charlottenlund gelegt, weil auch und vor allem im Spitzensport natürlich das Prinzip gilt: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Darum wär´s so wichtig, dass im heimischen Sport, nicht nur im Tennis, in Zeiten der immer größeren Dichte an der Spitze wie in eben diesen beste Grundausbildung und vernunftbezogener Realitätssinn die Oberhand gegen allzu voreiliges Hurrageschrei beim Weg des geringsten Widerstandes behalten. Dann kriegen auch wir über kurz oder lang mit Joel Schwärzler vielleicht wieder so etwas wie einen Rune in Rotweißrot vom Schlage eines Muster oder Thiem. Alles andere ist leider nur Schönfärberei …

Zum Kommentieren hier klicken

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Meist gelesen

To Top

Diese Webseite verwendet Cookies, um Ihnen ein angenehmeres Surfen zu ermöglichen